Der Traum von der Freiheit. Ein Protokoll der Verteidigung des Westens im Osten.

Ein Beitrag von Michael Fetko, Sozialethiker und Priester der Ruthenischen Griechisch-Katholischen Kirche in der Ukraine (der Beitrag erscheint in: Verein für Nachhaltigkeit Hrsg.), Nachhaltigkeit und Frieden. MUTation – Schriften zur Nachhaltigkeit, Bd. 8 Freising: Laubsänger)

Am 24. Februar 2022 begann der russische, öffentliche, militärische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Das geschah genau acht Jahre nach der völkerrechtswidrigen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und der „hybriden“ gedeckten Kriegführung in der Ostukraine. Die grundlose und ungerechtfertigte militärische Aggression Russlands richtet sich nicht nur gegen die Ukraine, sondern auch gegen das Völkerrecht, die Demokratie, die Menschenwürde und die regelbasierte europäische Friedensordnung. Seitdem befinden sich Ukrainerinnen und Ukrainer an der Front, in den Kellern, Schützengräben, Luftschutzbunkern, U-Bahn-Schächten, auf der Flucht und in Gefangenschaft. Die Zerstörung und der Verlust von Menschenleben, die Not, das Leid und die humanitäre Katastrophe werden von Tag zu Tag größer. 

Durch die herzzerreißenden Bilder und Videos aus Mariupol, Butscha, Kramatorsk und anderen Städten in der Ukraine hat Westeuropa und die ganze Welt ihre Naivität verloren und ihre Einstellung zur Russlandpolitik revidiert. Man konnte in diesem Zusammenhang oft hören und lesen: „Wir waren zu naiv!“ „Das haben wir falsch eingeschätzt.“ „Bis zum 23. Februar haben wir nicht geglaubt, dass sowas überhaupt passieren könnte.“ „Ich bin enttäuscht von Putin.“ „Wir haben uns nicht vorstellen können, dass Russland einen solchen Angriff vorbereitete und dann tatsächlich in der Ukraine einmarschiert.“ „Wir haben bei einer Vielzahl von Aggressionen Russlands in den vergangenen Jahren (Tschetschenien-Krieg 1994-1996 /1999-2009, Georgien-Krieg 2008, Syrien-Krieg 2015, Annexion der Krim 2014, hybrider Krieg in der Ostukraine 2014) aktiv weggeschaut.“ 

Der Traum vom friedvollen 21. Jahrhundert in Europa und der Welt hat sich ausgeträumt. „Ab jetzt wird sich alles in der Welt ändern. Der russisch-ukrainische Krieg wird die Welt mehr verändern als die Terroranschläge in den Vereinigten Staaten vom 11. September 2001.“ – sagte in einem Interview der ehemalige ukrainische Außenminister Pawlo Klimkin.2 Das hat mehrere Gründe: Zunächst geht es um Atomwaffen. Die Ukraine verzichtete 1994 (Budapester Memorandum) auf Atomwaffen. Dafür bekam sie im Austausch Sicherheitsgarantien, die sich dann allerdings als bedeutungslos erwiesen haben. Putins Krieg in der Ukraine „scheint eine klare Botschaft zu senden: Wenn Sie Atomwaffen haben, legt sich mit Ihnen niemand an.” Der Welt droht nun ein neues atomares Wettrüsten. Der zweite Grund bezieht sich auf problematische Grenzregionen in verschiedenen Ländern der Welt. So ist aktuell der Streit zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Kontrolle über die Region Bergkarabach wieder ausgebrochen.

Der dritte Grund weist auf die ungeheurere Macht des Informationskriegs im 21. Jahrhunderts hin. Millionen Russen in Russland und der ganzen Welt wurden und werden Opfer der gezielten medialen Propaganda der russischen Regierung. Die Manipulation durch Fake News und Desinformation erreicht heute einen nie dagewesenen Höchststand. Und nicht zuletzt wird der Krieg in der Ukraine eine große Auswirkung auf kirchliche Ökumene, vor allem auf die orthodoxe Welt haben, da die Russisch-Orthodoxe Kirche tief in diesem Konflikt involviert ist. Wie konnte es dazu kommen und welche Konsequenzen hat den Krieg um die Ukraine für Europa insgesamt? Dem soll im Folgenden nachgegangen werden.

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